Die Pupillen beider Augen befinden sich in einem Abstand von etwa 6.5 Zentimetern. Durch diesen unterschiedlichen Blickwinkel beider Augen kann das Gehirn ein dreidimensionales Bild der Welt berechnen (Breite, Höhe und Tiefe). Der Winkel unter dem beide Augen einen Gegenstand betrachten ändert sich aber ständig, je nachdem wie nahe sich dieser Gegenstand vor den Augen befindet. Wenn der Gegenstand sehr nahe ist, müssen beide Augen stark nach innen gewendet werden. Diese Einstellung der Augen ist also ein sehr dynamischer Prozess. Manchmal funktioniert diese koordinierte Bewegung nicht richtig – die Augen blicken nicht in dieselbe Richtung. Dies wird als Schielen bezeichnet. Wenn das Schielen schon in der Kindheit besteht, kann es zur Schwachsichtigkeit des schielenden Auges führen, was als Amblyopie bezeichnet wird.

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sieht es verschwommen – die Sehschärfe liegt unter 10%. So wie man laufen lernt, lernt das Gehirn mit den Augen zu sehen. Als Faustregel gilt: bei Schuleintritt sollte die Sehschärfe bei 100% liegen. Wenn aber ein Auge schielt, wird es vom Sehakt ausgeschaltet, die Sehschärfe entwickelt sich nicht richtig. Die Sehschärfe bleibt auf einem frühkindlichen Niveau, dies nennt man Amblyopie. Die Lernfähigkeit des Gehirns ist sehr gross bis etwa zum 7. Lebensjahr und wird dann zunehmend schwächer. Ab dem 10. Lebensjahr kann diese Phase als abgeschlossen betrachtet werden. Was man bis zu diesem Alter an Sehschärfe erreicht hat bleibt, man kann allerdings auch nichts mehr dazu lernen. Es ist also wichtig, ein schielendes Kind frühzeitig einer Amblyopietherapie unterziehen zu lassen. Dabei wird nach Brillenkorrektur einer eventuellen Fehlsichtigkeit das bessere Augen für einige Stunden/Tag (Faustregel für die Abdeckdauer: Lebensalter in Jahren ist die Abdeckdauer in Stunden/Tag) abgedeckt.

In einigen Fällen bemerken die Eltern, dass ihr Kind nur manchmal schielt, beispielsweise wenn es müde ist. Hier gilt: wenn die Schieldauer weniger als 50% der Wachzeit des Kindes ist, ist die Gefahr für die Entwicklung einer Schwachsichtigkeit gering.



Ein verstecktes Schielen ist normal.

Die Augen sehen in dieselbe Richtung, weil das Gehirn die Augen in die gleiche Richtung dirigiert. Wird ein Auge abgedeckt, weicht es von dieser Richtung ab. Diese Einstellbewegung ist normal und bei über 90% der Menschen nachweisbar. Dieses versteckte Schielen verursacht keine Beschwerden, weder Sehstörungen noch Kopfschmerzen, noch Legasthenie.

Leider hat in den 1950er Jahren ein Berliner Uhrenmacher und Brillenoptiker, der Herr Haase eine „Erfindung“ gemacht. Seine Idee: wenn das abgedeckte Auge eine Einstellbewegung macht, dann ist dies eine Einstellbewegung in eine Ruheposition. Wenn man einem Kind nun eine Prismenbrille verschreibt, hinter der das Kind zwar schielt, der Blick aber durch das Prisma geradeaus gelenkt wird, dann sei dies eine neue Welt des Sehens, und gegen Legasthenie und gegen Wahrnehmungsstörungen aller Art. Als raffinierter Schachzug zeigt sich auch die Erfindung des Wortes „Winkelfehlsichtigkeit“. Damit suggeriert der Uhrenmacher und Brillenoptiker, dass es sich um eine Fehlsichtigkeit handelt, die natürlich mit einer Brille behandelt werden muss, welche man in seinem Geschäft auch gleich käuflich erwerben kann.

Das Wort „Winkelfehlsichtigkeit“ ist also eine Wortschöpfung eines Brillenoptikers mit einem beträchtlichen verkaufsfördernden Potential für Brillen und hat mit Augenheilkunde nichts zu tun.

Die Gedankenwelt von Herrn Haase und seinen Mannen baut auf einem grundsätzlichen Irrtum auf: es gibt keine Ruheposition der Augenmuskeln. So wie das aufrechte Stehen einer ständigen Feinjustierung durch mehrere Muskeln bedarf, damit wir nicht stürzen, werden die Augen ebenso ständig justiert. Wenn dieser Prozess durch das Abdecken eines Auges gestört wird, weicht das Auge von der Geraden ab.

Die Anpassung einer Prismenbrille bei verstecktem Schielen bringt also dem erwachsenen Kunden keine Vorteile, allerdings ausser den Mehrkosten von etwa 270 SFR/Brille und eventuellen Kopfschmerzen auch keine medizinischen Nachteile.

Anders verhält es sich allerdings bei Kindern.

Wenn bei einem Kind eine Prismenbrille angepasst wird, es schielen, damit es durch diese Brille nicht doppelt sieht. Das kindliche Gehirn wird durch das Tragen der Prismenbrille „umprogrammiert“, hinter der Prismenbrille ist für das Gehirn nicht mehr der parallele Blick geradeaus, sondern der Schielwinkel. Es besteht die Gefahr, dass das falsch versorgte Kind nicht mehr von der Prismenbrille wegkommt, da es nun ohne Brille doppelt sieht. Schlimmer noch: der Schielwinkel kann immer grösser werden, was vom Optiker dann salopp als Prismenaufbau bezeichnet wird. Auch hier wurde vom Uhrenmacher Haase eine Erklärung erfunden: das Kind hatte schon vor der Prismenbrille einen extremen Schielwinkel, den das Kind erst mit der Zeit zeigt, nachdem sich die Augenmuskeln durch das Tragen der Prismenbrille „entspannt“ haben. Oft dekompensieren die Kinderaugen durch diese Prismenfehlanpassung so stark, dass sie nur noch durch eine Schieloperation wieder geradeaus sehen können. Dieser Umstand veranlasste den Gesetzgeber in Österreich, Deutschland und mittlerweile auch in Liechtenstein, dass bei Kindern eine Prismenbrille nur von einem Augenarzt angepasst werden darf. Leider gibt es einerseits diese gesetzliche Regelung in einigen Schweizer Kantonen nicht, andererseits halten sich manche Optiker nicht an die Gesetze, sodass jährlich mehrere, ursprünglich völlig gesunde Kinder durch diese Brillenoptiker in eine Schieloperation getrieben werden.

Diese Situation wird durch einen weiteren Umstand noch verkompliziert. Wie im Kapitel Hyperopie beschrieben, sind Kinder idealerweise weitsichtig (die Augen sind noch kürzer als normal und wachsen während der Pubertät in die Normalsichtigkeit). Wenn nun neben der Prismenanpassung diese Weitsichtigkeit noch mitkorrigiert wird, spüren die Kinder einen Vorteil im Brillentragen durch die Korrektur der Weitsichtigkeit (und nicht wegen der Prismen) – das Lesen wird als angenehmer empfunden. Dadurch sind auch die Eltern mit dieser Brillenkorrektur über mehrere Monate hinweg zufrieden, und die Nachteile der Prismen werden zunächst nicht bemerkt.

Das skurile an dieser Situation: es hat sich hier über die letzten Jahre hinweg eine Parallelwelt zur Augenheilkunde entwickelt. So werden Kinder im Rahmen einer Legasthenie-Abklärung von manchen Lehrern direkt zu den in der Region einschlägig bekannten Brillenoptikern und nicht zu Augenärzten geschickt mit der Aussage, dass sich Augenärzte bei Prismenbrillen nicht auskennen. Wenn dann aber die Kinder durch die Prismenbrillen dekompensieren und nicht mehr gerade aus sehen können, endet die Phantasiewelt der „Winkelfehlsichtigkeit“.

Dann zieht sich der Brillenoptiker mit seinem Verdienten zurück.

Die Kinder hingegen müssen in Vollnarkose schieloperiert werden.

Sollte ein Kind also von einem Optiker Prismenbrillen empfohlen werden, ist es dringend notwendig, dass Sie vor einer derartigen Brillenanpassung zunächst einen Augenarzt konsultieren.