Eine der häufigsten Trugwahrnehmungen bei fortgeschrittenen Augenerkrankungen ist das Charles-Bonnet-Syndrom. Obwohl sehr häufig, ist dieses Phänomen nur wenig bekannt. Der Grund für die geringe Bekanntheit liegt darin, dass die betroffenen Personen selten darüber sprechen, aus Angst davor, dass sie für verrückt gehalten werden. Meist trifft es nämlich ältere Personen. Das Syndrom ist nach Charles Bonnet (1720-1793), einem Schweizer Naturwissenschaftler, benannt.
Das Charles-Bonnet-Syndrom entsteht bei einer Verschlechterung der Sehschärfe, heutzutage meist bei fortgeschrittener Makuladegeneration oder diabetischer Netzhauterkrankung (früher bei fortgeschrittenem Grauen Star), aber auch bei einer Schädigung der Sehrinde nach Schlaganfall. Es wird geschätzt, dass zwischen 10% und 57% aller Menschen mit verminderter Sehschärfe ein Charles-Bonnet-Syndrom erleiden (diese grosse Spanne kommt daher, weil die Betroffenen nicht gerne darüber sprechen).
Die oft lebhaften Trugwahrnehmungen manifestieren sich auf verschiedene Art und Weise:
- Phosphene: undefinierbare Lichterscheinungen
- Photopsien: geometrische Figuren
- Palinopsien: bleibende oder immer wieder erscheinende Objekte, die kurz zuvor im Gesichtsfeld vorhanden waren
- Halluzinationen: ausgestaltete Bilder und Szenen von Objekten und Fantasie-Gestalten (loderndes Kaminfeuer vor einem Bücherregal, Blumenbeete, marschierende Soldaten).
Die Betroffenen erleben die Erscheinungen stets als nicht echt und distanzieren sich davon.
Um die Diagnose des Charles-Bonnet-Syndromes zu stellen, müssen die folgenden Kriterien erfüllt sein:
- Gleichartige optische Halluzinationen
- Distanzierung von der Echtheit der Wahrnehmungen
- Keine Halluzinationen in anderen Qualitäten (z.B. akustisch)
- Kein wahnhaftes Erleben
Die sinnvollste Therapie besteht in der Wiederherstellung der Sehkraft. Sollte dies, wie bei einer fortgeschrittenen Makuladegeneration nicht möglich sein, sind die therapeutischen Optionen sehr eingeschränkt. Die Anwendung von Psychopharmaka ist einerseits wenig wirksam, und sollte andererseits wegen der potentiellen Nebenwirkungen vor allem bei älteren Menschen zurückhaltend eingesetzt werden. Wichtig ist, dass der Patient und die Angehörigen ausreichend über dies Trugwahrnehmungen informiert sind und sich nicht Sorgen machen, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt. Das Charles-Bonnet-Syndrom ist harmlos.
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